Italien war (und ist) ein wichtiger Handelspartner der Bundesrepublik, und so waren italienische
Güterwagen häufig zu sehen auf deutschen Gleisen. Das ist auch den Modellbahnherstellern im
deutschen Sprachraum nicht verborgen geblieben, und so gab es von den meisten großen Herstellern irgend etwas italienisches Gedecktes im Programm.
MÄRKLIN hatte ein sehr ansprechendes Modell seit 1964 im Programm, ebenfalls seit den Sechzigern PIKO einen Gedeckten und einen Kühlwagen.
In der alten ROCO-Billigserie fand sich ebenfalls ein Italiener. Maßstäblich war keines dieser Modelle, und da die italienischen Hersteller in dieser Hinsicht
wenig Nationalstolz zeigten, musste man mehr als dreißig Jahre auf brauchbare Modelle warten.
Die dürftige Modelllage änderte sich nämlich schlagartig etwa um 1999, als die Firma LASER
auf den Plan trat. Die Modelle dieses Herstellers waren maßstäblich, aber ihre Laufeigenschaften
oft so miserabel, das man sie glatt für Standmodelle hätte halten können. Der deutsche
Importeur gab alsbald entnervt auf, so dass dem deutschen Kunden entging, welch formidable
Vielfalt an Vorbildern dieser Hersteller ins Modell umgesetzt hat. LASER verschwand 2002
wieder vom Markt. 2003 erschien ein neuer Hersteller namens MGM, der die im großen und
ganzen die gleichen gedeckten Güterwagen ein weiteres Mal als Modell erscheinen ließ. MGM
hielt aber auch kaum ein Jahr durch. Zwischendurch gab es dann auch noch einen Bausatz, den
die italienische Modellbahnzeitschrift "Tutto Treno" auf den Markt brachte; diese Bausätze
waren zwar spottbillig, aber man musste sie selber lackieren und beschriften.
Ein weiterer italienischer Modellbahnhersteller darf allerdings nicht unerwähnt bleiben, er ist
ein Sonderfall, sowohl was die eigene Dauerhaftigkeit als auch die der Modelle betrifft: Die
Firma SAGI. Die SAGI-Modelle sind komplett aus geätztem Messingblech gefertigt. Natürlich
sind diese Messingmodelle deutlich teurer als die solche aus Kunststoff und letztlich nicht für
den breiten Markt geeignet.
Die Vorbilder
Welche Typen waren nun für den internationalen Verkehr der Nachkriegszeit die wichtigsten?
Da die italienischen Eisenbahnen bis zur Einführung der UIC-Beschriftung nur wenige Nebengattungszeichen benutzt haben und davon die meisten auch nur vorübergehend, waren praktisch
alle italienischen Gedeckten ein "F". Das Hauptgattungszeichen "E", das Wagen für den Obst-
und Gemüsetransport trugen, verschwand schon in den Dreißigern wieder zu Gunsten von "F".
Bleibt noch "G", dies waren Wagen, die auch dem Großviehtransport dienen konnten und
deswegen nicht die typischen Lüftungsschieber hatten. Nebengattungszeichen gab es bei den
Gedeckten nur wenige, und Baureihennummern wie bei der DB gar nicht. Zur Unterscheidung
fügt man also am besten dem "F" oder "G"das Baujahr oder die Baujahre hinzu. Wichtig sind
für den deutschen Modellbahner natürlich vor allem die Vorbilder, die die FS 1953 in EUROP-Park mitbrachten, da die die höchste Wahrscheinlichkeit hatten, ins Ausland geschickt zu
werden. Das waren im einzelnen:
1
G
1932
4500 mm Radstand, Rahmenlänge 8690 mm, nur mit Bremserhaus
2
F
1937-1946
6100 mm Radstand, 8000 mm Rahmenlänge (mit Handbremse 8690 mm), vier Lüftungsschieber je Wagenseite
3
F
1942-1946
6100 mm Radstand, 8000 mm Rahmenlänge (mit Handbremse 8690 mm), zwei Lüftungsschieber je Wagenseite
4
F
1957
UIC-Standard-Gedeckter
Weitere Nachkriegsneu- oder umbauten waren:
5
F
1945-1947
4500 mm Radstand, 7980 mm Rahmenlänge (mit Handbremse
8690 mm), Wagenkasten des F von 1942/46 auf älteren Fahrgestellen
6
Fma
1952
4500 mm Radstand, 8000 mm Rahmenlänge (mit Handbremse
8690 mm), "ma" steht für "monte alta" = hohes Dach, diese
Wagen hatten ein Korbbogendach
Das Hauptgattungszeichen "H" trugen alle gedeckten Sonderbauarten, darunter fallen vor allem
die Kühlwagen, aber z.B. auch Wagen mit Stirntüren für den Fahrzeugtransport. Hier waren die
Nebengattungszeichen etwas häufiger; "g" stand für Kühlwagen ("ghiacciaia" = Eiskeller),
"Hgp" waren Kühlwagen mit isolierenden Wänden, "Hgm" Fleischkühlwagen ("macellare" =
schlachten). Dies sind nur einige Beispiele.
ACME und BRAWA
2009 war dann erneut das Jahr der italienischen gedeckten Güterwagen. BRAWA kündigte zur
Spielwarenmesse einen Dreierpack mit zwei Gedeckten und einem Kühlwagen an, der im
Dezember ausgeliefert wurde. Der italienische Hersteller A.C.M.E., der dem Vernehmen nach
von früheren LASER-Mitarbeitern gegründet worden war und sich zunächst auf Modelle von
Personenwagen konzentriert hatte, widmete sich nun ebenfalls den Güterwagen, kam BRAWA
zuvor und brachte schon im Sommer 2009 einen ebensolchen Dreierpack auf den Markt.
Nun gibt es zwei ziemlich ähnlich aussehende Packungen, zwei gedeckte Güterwagen und ein
Kühlwagen, von zwei verschiedenen Herstellern. Der Modellbahnkäufer sieht dies mit gemischten Gefühlen. Denn hier werden kostbare Ressourcen in Entwicklungen gesteckt, die sich dann
möglicherweise nicht amortisieren, weil sie sich den Markt teilen müssen. So werden die
Hersteller in einem ohne schwierigen wirtschaftlichen Umfeld zusätzlich geschwächt.
Wie auch immer, folgende Wagen sind nun lieferbar: Von A.C.M.E. (Best.-Nr. 45001) ein F von 1937-1946 ohne Handbremse,
ein F von 1937-1946 mit Handbremse und ein Hg 1931 ohne Handbremse; von BRAWA ein F von 1937-1946 ohne Handbremse, ein F von 1942-1946 ohne Handbremse und ein Hg 1946 ohne Handbremse
So ähnlich sich die beiden Packungen auf den ersten Blick sind, auf den zweiten Blick ist nur
ein Modell wirklich doppelt: Der F von 1937-46, also der mit den 4 Schiebern je Seite! Die
Modelle beider Hersteller sind exakt maßstäblich und hervorragend detailliert. Die Einzelheiten
der Ausführung mag man getrost den Vorlieben der Käufer überlassen. Wie viele der zahlreichen Lüftungsschieber
geöffnet oder geschlossen dargestellt werden, wird keine Glaubenskriege auslösen. Auch sonst gibt es kleine Unterschiede im Detail: Die Querstrebe auf den
Stirnseiten liegt vor den vertikalen Streben - deutlicher bei ACME, nur schwach bei BRAWA,
auch beim Vorbild gab es hier verschiedene Ausführungen. Auffallender sind schon die Durchmesser der Pufferteller: Die 5,0 mm bei ACME sind mit Sicherheit zu groß, die 3,8 mm bei
BRAWA im Zweifel zu klein (es gab so kleine Pufferteller bei den italienischen Bahnen, aber
wohl nicht mehr bei diesen Baujahren). Wer seine Wagen gerne aus der Schotterperspektive
betrachtet, wird sich über die Unterseite der BRAWA-Modelle freuen, da die Bauart des
Kupplungsschachtes nur wenig Störendes ins Bild bringt. Ein bemerkenswerter Unterschied ist
die Ausführung des Dachfirstes. Bei ACME ist er deutlich abgerundet, was den allermeisten
Vorbildaufnahmen dieser Wagen entspricht, auch wenn die Zeichnungen das
Dach immer spitz darstellen. Die Dächer dieser "Spitzdachgüterwagen" sind also so spitz nicht,
nur Aufnahmen von älteren Vorbildtypen zeigen tatsächlich ein winklig zulaufendes Dach, so
zum Beispiel noch der oben erwähnte G von 1932. Vom F von 1937/46 ist ebenfalls ein Wagen
mit "spitzem" Dach dokumentiert, allerdings einer mit Blechwänden statt der üblichen Sperrholzwände.
Ein Unterschied allerdings ist gravierend: Die BRAWA-Modelle bilden die Ursprungsausführung der Vorbilder mit Gleitlagern und doppelten Federpaketen nach, die ACME-Modelle
hingegen die spätere Version nach dem Umbau auf Rollenlager und einfache, aber dafür
dickere Federpakete. Auch die Farbgebung - das gelbere Braun - und das Transit-T deuten
darauf hin, dass die BRAWA-Wagen eher eine Epoche-II-Ausgabe darstellen, sie passen aber
auch noch gut in die frühe Epoche III; sie sind so auch noch in EUROP-Park gelangt. Für die Epoche-IV-Version, die BRAWA ebenfalls
anbietet, sind sie allerdings nicht wirklich geeignet. Die ACME-Wagen hingegen mit ihrem
UIC-Rotbraun, dem RIV-Zeichen und den Rollenlagern gehören eindeutig in die Blütezeit der
Epochen III und IV. Eine EUROP-Beschriftung wäre natürlich schöner und für den Modellbetrieb auf deutschen Gleisen brauchbarer, aber das mag ja noch kommen; bei LASER wusste
man das. Im ACME-Katalog 2010, nach Redaktionschluss der Nummer erschienen, werden sie angekündigt!
Fazit: Die Ähnlichkeit der beiden Dreierpackungen ist denn doch nicht so groß, wie es auf den
ersten Blick scheint. Wer sich der Zeit ab etwa Epoche 3b widmet, wird ACME den Vorzug
geben; wer sich an frühere Zeiten bis zur Epoche 3a hält, wird sich an die BRAWA-Modelle
halten. Und wem die Epoche egal ist, hat an beiden seine Freude.
ACME hat seine Modelle übrigens in Polen mit polnischer Beschriftung angeboten, was
vermuten lässt, dass diese Wagen kriegsbedingt in Polen geblieben sind. Eine jugoslawische
Ausführung steht im Katalog, eine willkommene Ergänzung, denn es gibt derzeit kein einziges
Modell jugoslawischer Vorbilder für die Epoche III.
Zum Schluss noch ein Blick auf weitere Modelle, die heute noch lieferbar sind: Von PIKO gibt
es seit den 60er Jahren ein Modell des F von 1925/36, an sich ein schönes Modell, aber leider
2 mm zu kurz, da der Kasten auf ein deutsches Fahrgestell passen musste. Das selbe gilt für das
ebenfalls sehr ansprechende Modell eines Kühlwagens, des Hg von 1931, also des gleichen
Vorbildes wie bei BRAWA. Das ROCO-Modell aus der Billigserie stellt den FF von 1937/42
dar, allerdings erheblich verkürzt; ein maßstäbliches Modell gibt es bei SAGI. Der UIC-
Standard-Güterwagen der FS war als Modell von LIMA und ROCO lieferbar, beide ohne
EUROP-Beschriftung. Mit EUROP-Beschriftung war es bei RIVAROSSI im Programm.
Nachtrag
Zur Farbe der italienischen Güterwagen: Die waren ursprünglich "kupferbraun" (RAL8004) lackiert (meinte jedenfalls die Bauanleitung des Tutto-Treno-Bausatzes). 1955 erfolgte die Umstellung auf das mehr oder weniger einheitliche UIC-Rotbraun. Natürlich wurden die Wagen nicht wegen ihres Anstriches in die Werkstätten geholt. Die Neulackierung erfolgte anlässlich der Hauptuntersuchung. Geht man von sechsjährigem Untersuchungsabstand aus, dürften die letzten Wagen in alter Farbgebung 1961 verschwunden sein.
Zu den Radlagern: Die 1957 eingeführten UIC-Standard-Wagen hatten von vorneherein Rollenlager. Man kann also annehmen, dass spätestens zu dieser Zeit der Umbau der älteren Wagen begonnen hat. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass in der Epoche IV noch Wagen mit Gleitlagern dem internationalen Verkehr dienten.
Zum Dach: Es gibt in der Literatur ein einziges Foto eines F von 1937 mit "spitzem" Dach. Dies war allerdings ein Wagen mit Stahlwänden. Es gibt kein Foto eines F von 1942 mit spitzem Dach. Das schließt nicht aus, dass es solche Wagen gab, macht es aber auch nicht gerade wahrscheinlich. Die Bildunterschriften in der MIBA, die von früherer und späterer Ausführung sprechen, beruhen auf einer Vermutung der Redaktion.
Nachtrag Juli 2010
Die mittlerweile erschienene jugoslawische Ausführung des F von 1947/46 hat übrigens ein Fahrgestell mit doppelten Federn und Gleitlagern! ACME hat also zwei Fahrgestelle geschaffen. Weiter gibt es von dem Wagen auch eine sowjetische Ausgabe. Auch sie hat (ebenso wie die oben erwähnten polnischen Exemplare) doppelte Federn und Gleitlager - richtigerweise, denn als diese Wagen 1945 den Besitzer wechselten, war von Rollenlagern noch nicht die Rede.